Geschichte des Insulins
Bevor im Jahr 1922 Insulin entdeckt und in die Behandlung von Menschen mit Diabetes eingeführt worden ist, mussten Typ-1-Diabetiker meist binnen kurzem nach Entdeckung der Krankheit sterben. Heute spritzen sich rund eine Million Menschen in Deutschland täglich mehrmals Insulin. Hier eine kurze Reise in die Geschichte des Hormons.
Das Hormon Insulin ist im Körper eines jeden Menschen für eine Reihe von Stoffwechselprozessen unentbehrlich. Es ist die entscheidende Schaltstelle für die Verarbeitung der Kohlenhydrate. Insulin wird als Eisweißkörper ausschließlich in den ß-Zellen der Bauchspeicheldrüse hergestellt. Diese Zellen liegen in Gruppen wie auf einer Insel zusammen, was dem Insulin auch seinen Namen gegeben hat.
Perspektive: Überleben
Vor der Einführung von Insulin in die Therapie des Diabetes im Januar 1922 waren alle Typ-1-Diabetiker binnen kurzem nach Auftreten der Erkrankung zum Tod verurteilt. Mit der Nutzbarmachung von Insulin tat sich für diese Menschen eine völlig neue Perspektive auf: überleben. Schon in den ersten Jahren der Insulintherapie wurden heute teilweise als "Neuerungen" dargestellte Prinzipien in der Therapie etabliert. Elliot Joslin als einer der ersten Wegbereiter führte mit seinen Patienten eine strukturierte Schulung durch und machte die von Diabetikern selbst vorgenommene Kontrolle des Stoffwechsels zu einem wesentlichen Therapiebaustein. Die Diabetiker sollten, so seine Überlegungen, den Harnzucker messen und nach dem Ergebnis dieser Messung die Insulindosis anpassen. Alle anfangs verfügbaren Insuline waren nur wenige Stunden wirksam, diese "Alt"-Insuline wurden dementsprechend mehrfach täglich von den Patienten nach Einweisung durch die Experten injiziert.
Vor dem Einsatz des Insulins hatte die Kohlenhydratzufuhr bei Typ-1-Diabetikern immer zu massiven und nicht mehr beherrschbaren Stoffwechselentgleisungen in Form von Blutzuckeranstiegen geführt. Kohlenhydratverbote bzw. -einschränkungen hatten zu dieser Zeit eine Berechtigung gehabt. Die schon 1922 üblichen Ernährungsvorschriften wurden dennoch auch nach der Einführung des Insulins zumeist beibehalten, obwohl sie mit der Insulinsubstitution im Grunde genommen überflüssig geworden waren.
Wie war das damals mit den Spritzen?
Es wurde also auch nach 1922 die Ernährung von Diabetikern in "Diätpläne" gefasst. Als Begründung mag zum einen herhalten, dass viele Diabetologen der zwanziger Jahre die alten Vorstellungen von Therapie der Diabetes nicht ad hoc ändern konnten oder wollten. Zwar hatte der deutsche Diabetologe Karl Stolte 1929 die Ernährung liberalisiert und die Veränderung der Kohlenhydratmengen genauso wie die der Insulinmengen zum Essen für seine Patienten möglich gemacht: Dennoch blieb das Bestreben, mit weniger Insulinspritzen auszukommen.
Anders als heute gab es noch keine sterilisierten dünnen Einmalspritzen. Nach jeder Injektion mussten die Spritzen mit ihren dicken Nadeln ausgekocht werden. Die Nadeln wurden mit der Zeit stumpfer und musten nachgeschliffen werden.
1936 wurden dem Insulin das Protamin und 1937 das Surfen als Verzögerungsstoff beigemischt. Damit war es möglich geworden, die Wirkung auf einen Zeitraum über mehr als zwölf Stunden auszudehnen und die Zahl der Spritzen auf zwei pro Tag zu reduzieren. Die hohen Insulinspiegel im Blut, die aus solcher Therapieform resultieren, machten eine genauere Verteilung der Kohlenhydratmengen erforderlich. Der Kreis der Diabetes-"Diät" hatte sich geschlossen.
Erst in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre und nach dem Aufkommen moderner Einwegmaterialien begannen Experten, in der Therapie wieder die alte Flexibilität und damit Entscheidungskompetenz von Patienten in der Insulintherapie zuzulassen. Diese beweglicheren Therapieprinzipien stehen damit neben den Strategien mit zweimalig täglichem Einsatz von Insulin heute für Diabetiker zur Verfügung und können ganz nach den individuellen Bedürfnissen von diesen eingesetzt werden.
1983 wurde Humaninsulin eingeführt, nun war es möglich, Insulin gentechnologisch herzustellen, und es wurde auch unabhängig von tierischem Gewebe in größeren Mengen verfügbar.
Mitte der 80er Jahre folgten die Injektionshilfen (Pens), die zwar nicht die Insulintherapie grundsätzlich veränderten, aber die Lebensqualität in der Behandlung chronisch kranker Menschen deutlicher herausstellten.
Wieviele Diabetiker spritzen Insulin?
Heute wird Insulin in Deutschland von fast einer Million Menschen gespritzt, davon haben rund 200.000 einen Typ-1-Diabetes, annähernd 800.000 Patienten einen Typ-2-Diabetes. Der größere Teil der Typ-2-Diabetiker mit einer Insulintherapie setzt ein Intermediär- oder Mischinsulin zweimal täglich ein, so daß diese Therapieform die meistverbreitete ist. Etwa 15.000 Diabetiker (meist Typ-1) verwenden eine Insulinpumpe, die meisten anderen Typ-1-Diabetiker setzen wie auch viele Typ-2-Diabetiker-Therapieformen mit mehr als zwei Spritzen täglich ein.
Die "beste" Insulintherapie gibt es grundsätzlich nicht, denn jede Therapieform, sei es die zwei- oder mehrmalige Injektion oder die pumpengesteuerte Infusion von Insulin, hat ihre spezifischen Vor- und Nachteile, über deren Bewertung letztlich immer nur der Anwender befinden kann.
Autoren:
Dr. med. Andreas Klinge
und
Dr. med. Matthias Pein
Fachärzte für Inne Medizin und Diabetologen DDG
E-Mail:
webmaster@diabetikerbund-hamburg.de






