Diabetes im Alter Schule der Demütigung?

Diabetes im Alter
Schule der Demütigung?
 
Käte Schulze beobachtet sich haargenau. Seit Jahren. Missgeschicke sind ihr schmerzlich, sogar peinlich. Letzten Freitag schrieb die Achtzigjährige in ihr kleines schwarzes Notizbuch: „Dumm gefallen.“ Wieso „dumm“, Käte? Weil sie nicht wisse, wie und warum, klagt die Typ-1-Diabetikerin. Und fürchtet, das nicht Erinnern könne sich wiederholen, sie fortan begleiten. Auch am Sonntag, wenn sie ihre Tabletten für die ganze Woche einsortiere: Tag für Tag; für Morgens, Mittags, Abends. Achtzehn Stück. Manche von ihnen muss sie halbieren, einige sogar vierteln. Und darauf achten, dass sie dabei nicht auseinander bröseln. Dafür hat die krebs- und herzkranke Diabetikerin von ihrer Apothekerin an Weihnachten ein schickes verchromtes Gerät geschenkt bekommen. 
 
Noch sei sie ja richtig fit, erzählt Käte. Brauche keinerlei Hilfe. Nicht beim Duschen. Nicht beim An- und Auskleiden. Nicht mal beim Einkaufen. Auch nicht beim Kochen. Und wenn ihr dennoch etwas Unerwartetes widerfahre? „Kriege ich schon wieder hin.“ Schließlich habe sie ihr Leben lang akzeptiert, dass die Tollpatschigkeit – vor allem die im Kopf – nun mal zum Menschen gehöre, wie der linke und rechte Fuß. 
 
Doch was werde, fragt sie uns, wenn sich diese Tollpatschigkeit – „ohne das ich es bemerke“ – Knall auf Fall in eine unbeahnte Krankheit verwandele? Wenn sie nicht mal schmerzhafte Beulen an den Knien an einen Sturz – irgendwann, irgendwie – erinnern? Wenn sie nicht mehr mit ihrer sonst sprichwörtlichen Gewissheit sagen kann, ob ihre lebenswichtigen Tabletten wirklich im richtigen Fach liegen? Ob sie ihren Blutzucker – so, wie in den letzten Jahrzehnten – fehlerfrei gemessen und die Zahl tatsächlich gewissenhaft notiert hat? 
 
Diese Gedanken treiben Käte um. Obwohl ihr niemand so schnell etwas vormacht. Sie weiß längst, der Mensch kommt erst dort zu sich, wo er gescheitert ist. Im Scheitern, erklärt sie uns, werde er sich nicht etwa fremd, sondern endlich ähnlich. Vorausgesetzt, lacht sie kurz auf, er bemerke es noch. Dass sie eines nicht mehr fernen Tages auf verlorenem Posten kämpfen werde, glaube sie bereits zu spüren. Deshalb hat sie einen prominenten Gesundheitspolitiker um Rat gebeten – und von dessen Büro die Anschrift ihrer Krankenkasse erhalten. Dort hat man sie zu Lehrgängen für Neo-Insuliner eingeladen. Mehr an Schulung sei nicht drin.
 
Was sie wiederum als Schule der Demütigung empfunden hat. „Vielleicht“, tröstet sie sich zum Schluss, „winkt mir ja noch einmal Glück.“ Allerdings fliehe das Glück nur allzu oft, bevor man es zu packen kriege. Aber Aufgeben werde sie deshalb nicht. K.Bl.
 
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