Russlands Gesundheitssystem: Wo Diabetiker zu Agenten werden

Russlands Gesundheitssystem:

Wo Diabetiker zu Agenten werden

 

Seit Pfingsten gilt die von ihren ehrenamtlichen Mitgliedern mit unglaublichem Einsatz geführte Diabetiker-Vereinigung (SROO) der russischen Stadt Saratow als „Organisation ausländischer Agenten.“ Das verfügte am 28. Mai ein Bezirksgericht dieser historischen Wolga-Stadt und verhängte 4800 Dollar Strafe, die innerhalb sechzig Tagen fällig sind. Doch woher nehmen? Der seit dreißig Jahren mit 80 000 (!) Mitgliedern agierende Verein verfügt derzeit über ein Guthaben von 2,16 Euro. Da fehlt‘s an Geld für Anwälte, um Widerspruch einzulegen, ja, sogar um zu telefonieren. Oder, um Tee fürs Nachdenken zu kochen.

 

Das Skandal-Urteil von Saratow gründet sich auf einem Gutachten des weithin unbekannten Lokalhistorikers Iwan Konowalow. Dieser sogenannte Experte kam zu dem Schluss, die Saratower Diabetiker hätten ausländischen Partnern Informationen über „wunde Stellen“ in der Region besorgt; insbesondere über die Gesundheitsversorgung, um „gezielte Proteste unter der Bevölkerung zu entfachen“ (Konowalow).

 

Wie es Diabetikern in Saratow ergeht, hatte SROO-Chefin Larissa Saigina allerdings jedem, der es hören wollte oder auch nicht, freimütig erzählt. Auf diese Weise gelangte auch diese wahre Geschichte ins Ausland: „Eine Frau bettelte uns um Insulin an, doch selbst wir hatten nichts mehr auf Vorrat. Zuvor war die Frau in mit ihrem Rezept von Apotheke zu Apotheke, von Arzt zu Arzt gelaufen. Vergeblich, denn nirgendwo gab es Insulin. Sie war völlig  entkräftet, als sie zu uns kam, weil sie – aus Insulin-Mangel – schon viele Tage lang nichts mehr gegessen hatte. Wir alarmierten auf der Stelle das staatliche Gesundheits-Inspektorat, das sofort Insulin besorgte.“

 

Der Mangel an Insulin, vor allem aus russischer Produktion, sei sogar in den großen Städten ein Problem, weiß Larissa Saigina. Wie es auf dem Lande, im Ural oder in Sibirien,  ausschaue, mag sie sich gar nicht vorstellen. Eingedenk dessen habe man sich in Saratow – wo fast eine Million Menschen zu Hause ist – bei ausländischen Pharmagesellschaften um Insulin bemüht; nicht, um damit Geschäfte zu machen, sondern, um einen Notvorrat für alle anzulegen, die sonstwo nichts mehr ergattern können. Und das zusätzlich von ausländischen Gesellschaften gespendete Geld sei ausschließlich und nachweislich in Seminare und Bildungsarbeit geflossen.

 

Aber wie auch immer: Wer in Russland unter Diabetes leidet, leidet nun einmal ganz besonders. So erzählt, zum Beispiel, Ludmilla aus einer Kleinstadt bei Moskau, bevor man als Typ-1-Diabetiker eine Pumpe genehmigt und bezahlt bekomme, müsse man monatelang einer Regierungsstelle so lange auf die Nerven fallen, bis diese einen ins Krankenhaus überweise. Bekommt man dort – nach abermaligem Bitten und Betteln – endlich die Pumpe genehmigt, benötigt man anschließend unbedingt ausländische Beziehungen, um an einen Sensor zwecks Blutzuckermessungen zu gelangen. Denn diese sind in Russland offiziell nicht zugelassen.

 

Doch zurück zur Causa Saratow: Vor Gericht hat die dortigen Diabetiker ein Medizinstudent namens Nikita Smirnow gebracht; ein ehrgeiziger junger Mann, der gleichzeitig versucht, im Jugendflügel der Putin-Partei „Einiges Russland“ Karriere zu machen. Immerhin wird – seinen Hinweisen zufolge – nun gegen 76 Diabetiker und deren Familien „individuell“ vorgegangen.

 

Zum Schluss noch ein Reise-Hinweis für hiesige Diabetiker: Ob Sie zur WM oder den Weißen Nächten in St. Petersburg reisen, packen Sie zu Ihrem Insulin unbedingt eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung in russischer oder englischer Sprache ein (niemals in einer anderen Sprache, denn die gilt nicht). Dazu ein gültiges Rezept auf Ihren Namen, andernfalls gelten Sie womöglich als Medikamenten-Dealer. Und das könnte ganz unangenehm enden. K. Bl.

 

 

ENDE

KBL – 4. Juni 2018