Thema der Woche – Jungbrunnen Metformin?

 

Jungbrunnen Metformin?

Wie ein Diabetes-Präparat das Altern hinaus zögern soll

 

 

Metformin? Es ist ein Kreuz mit diesem Präparat. Alle Welt warnt vor schlimmen Nebenwirkungen des Blutzucker senkenden Medikamentes – jedoch meist nicht aus eigenen Erfahrungen, sondern vom Hörensagen. Jetzt aber förderte die amerikanische TAME-Studie  (Targeting Aging with Metformin) eine ganz andere Nebenwirkung des bereits seit 1958 zugelassenen Diabetes-Medikamentes zutage: Metformin, so heißt es dort, kann sogar unser Leben verlängern. Allerdings in Verbindung mit zwei anderen Substanzen. Klingt wie ein Märchen, ist aber wissenschaftlich belegt. Beobachtungen zeigen auf, dass Typ-2-Diabetiker sogar länger leben könnten, als gleichaltrige Nicht-Diabetiker.

 

Das verkündete Ende dieses Sommers der 69jährige amerikanische Wissenschaftler Gregory Fahy vom biopharmazeutischen Unternehmen Intervene Immune. Seinem Team sei es sogar gelungen, bei neun männlichen Studienteilnehmern das biologische Alter umzukehren. Innerhalb von nur zwölf Monaten habe man die biologische Uhr dieser Männer zwischen 51 und 65 Jahren um etwa zweieinhalb Jahre zurückgedreht. Ein an diesem Versuch beteiligter bereits ergrauter Mann bestätigte überdies, dass ihm wieder dunkle Haare nachgewachsen seien.

 

Für diese verblüffenden Ergebnisse mussten die kalifornischen Forscher keinen neuen Wirkstoff entwickeln. Sie griffen vielmehr auf drei bereits zugelassene Präparate zurück, kombinierten sie aber völlig neu. Neben dem traditionellen Diabetes-Medikament Metformin verabreichten sie das Wachstumshormon Somatropin und das körpereigene Hormon Dehydroepiandrosteronacetat (DHEA). Es trägt übrigens den Beinamen „Jungbrunnen-Hormon“.  Somatropin wiederum wird bereits erfolgreich zur Behandlung  kleinwüchsiger Menschen eingesetzt.

 

Alle drei Präparate sollen – so Fahy – auf die sogenannte Thymusdrüse abzielen. Zwischen Herz und Brustbein sitzend, „testet“ sie jene Zellen, die Viren und Bakterien erkennen und beseitigen sollen. Bei Erwachsenen wiegt sie bis zu 50 Gramm, im Alter schrumpft sie bis auf drei Gramm und büßt damit auch ihre Funktion ein. Also dachen sich Greg Fahy und seine Mitarbeiter: Halten wir das Schrumpfen der Thymusdrüse auf, können wir möglicherweise auch das Altern aufhalten. Gedacht, versucht. Denn schon 2014 hatten englische Forscher festgestellt, dass mit der Manipulation der Thymusdrüse ein verjüngender Effekt erzielt werden kann.

 

Natürlich gibt es jetzt Zweifel an der neuesten Studie. Ihr begegnete Fahy auf ZEITonline so: „Die Ergebnisse, die wir jetzt veröffentlicht haben, sind erst der Anfang. Wir planen gerade eine Studie mit deutlich mehr Probanden, mindestens 50, lieber 200. Darunter sollen auch Frauen sein. Außerdem wollen wir die Altersspanne erweitern. Für die neuere Studie hätten wir gern ältere und jüngere Patienten.“

 

Denn die Anti-Aging-Pille, davon ist Fahy schließlich überzeugt, sei nicht mehr aufzuhalten. Dank Metformin.

K.Bl.

ENDE/ 13. 9. 2019

 

Teil 2

 

Lasst Euch nicht verrückt machen

 

Achim plagt Übelkeit, wenn er nach dem Frühstück Metformin geschluckt hat. Sein Arzt behauptet, das würde sich geben. Außerdem könne das morgendliche Unwohlsein auch andere Ursachen haben. Und Renate? Sie hat sich kürzlich sogar übergeben. Angeblich verursacht von einer Metformin-Pille nach dem Abendbrot – oder vielleicht durch die üblichen zwei Gläser Weißwein? Jost wiederum behauptet, Metformin jage ihn im Schweinsgalopp aufs Klo, während Johannes glaubt, Metformin drossele bei ihm jeglichen Appetit. Glückwunsch, dann wirst du wenigstens nicht noch dicker, wollte ich ihn  trösten. Da er zog beleidigt von dannen.

 

Oliver, der mit Hingabe an geheime Verschwörungen in den sogenannten sozialen Netzwerken glaubt, brachte jetzt eine ganz abenteuerliche Theorie in Umlauf: „Wenn Ihr weiter Metformin nehmt, seit Ihr bald reif für die Dialyse, denn das halten eure Nieren nie aus. Niemals!“ Ich ließ mich prompt ins Bockshorn jagen und ließ fortan – ohne Rücksprache mit meinem Diabetologen – meine tägliche Metformin-Ration links liegen. Stattdessen setzte ich wochenlang ausschließlich auf Insulin. Ich hatte auf einmal Nierenwerte, wie seit fünfzehn Jahren nicht mehr – juchhe! Aber ich unterzuckerte auch mit einer Wucht, wie noch nie – und das beinahe täglich! Eines Nachts kroch ich mit letzter Kraft an eine Coca Cola . . . um die Zeit bis zum Morgen zitternd im Halbschlaf zu verbringen.

 

Anderntags kehrte ich kleinlaut zur vom Arzt festgesetzten Tagesration Metformin zurück. Warum auch nicht? Meine Nierenwerte werden ohnehin regelmäßig gemessen, also alles in Ordnung. 

 

Ich habe übrigens nach meinen Erlebnissen  noch Folgendes nachgelesen: Im Jahr 2016 haben sowohl die europäische Arzneimittelbehörde als auch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) die Zulassungsbeschränkung von Metformin für Patienten mit einer chronischen Niereninsuffizienz aufgehoben. Sollten sich die Ergebnisse in größeren Langzeitstudien bestätigen, könnten künftig auch stark niereninsuffiziente Typ-2-Diabetiker von Metformin profitieren.

 

Mich hat das beruhigt. Und Sie?

K.Bl.

ENDE

  1. 09. 19