Maskiert und verjüngt

Ach, Sie sind das?“ Nur an meiner Stimme habe sie mich erkannt. Ob Frau Kruse dabei lächelt, kann ich nicht erkennen. Schließlich ist sie völlig maskiert: trägt eine feuerrote Mundmaske, daüber ihre schwere braune Hornbrille – und über alledem thront dieser Südwester, ein überaus beeindruckender Regenhut. Ich muss der Nachbarin ähnlich fremd erscheinen, hinter meiner schwarzen Maske, der getönten Brille und verborgen unter einer karierten Regenmütze.

Wir stehen vor der Tür unserer Podologin und brüllen uns an. „Mein Diabetes“, schreit sie aus 1,50 Meter Entfernung durch den Regen, „machte anfangs, was er wollte. Egal, was ich aß, was ich spritzte – er fuhr Achterbahn.“ Jetzt sei alles wieder im Lot. Ich brülle zurück: „Habe ich auch erlebt.“

Eine jüngere Frau will vorbei huschen. „Schon wieder nicht in der Praxis?“ ruft Frau Kruse. Die Frau bleibt abrupt stehen: Sie habe uns gar nicht erkannt, „ihr seit ja auch völlig maskiert.“ Um dann zu erklären, sie könne ihre Zahnarzt-Praxis auch gleich schließen. Die Leute würden ja eh erst nach der Corona-Krise wieder an ihre Zähne denken. Wenn überhaupt.

Diese Krise verändert uns. Was verbirgt sich hinter den Masken: Freude oder Trauer? Zwietracht oder Zuwendung? Spannung oder Hoffnung? Wir wissen nur, dass wir nichts wissen.

Maskiert stehe ich an der Käse-Theke. „Na, junger Mann, was bekommen WIR denn?“ fragt mich die fünfzig Jahre jüngere Verkäuferin. Junger Mann? Corona sei Dank.

ENDE