Warum Diabetiker Selbsthilfegruppen brauchen

Selbsthilfe – was ist das eigentlich?

Nach dem Motto „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“ entstanden Selbsthilfegruppen für Menschen mit Diabetes in einer Zeit, in der es wenige Therapieoptionen für insulinpflichtige Diabetiker gab – die Therapie wurde vom behandelnden Arzt bestimmt. Aus Erzählungen Betroffener weiß ich, dass Diabetiker untereinander Erfahrungen austauschten, bei denen es z. T. um diätetische Strategien aber auch um Veränderungen der Insulintherapie handelte.

Die letzten 30 Jahre haben die Behandlung insulinpflichtiger Diabetiker revolutionär verändert. Durch die Entwicklung der Blutzuckermessgeräte zur Selbstkontrolle für Diabetiker veränderten sich auch die Insulintherapien. In Schulungen wurde den Betroffenen die Selbststeuerung der täglichen Behandlung vermittelt. Die Einführung Diabetologischer Schwerpunktpraxen, in denen Fachärzte die Betreuung der Diabetiker übernahmen, führte zu einer wesentlich verbesserten Versorgung und damit auch zu einer deutlichen Verringerung von Folgeerkrankungen.

Vieles ist für Diabetiker einfacher geworden

Hilfsmittel für die Steuerung des Blutzuckers sind eine Selbstverständlichkeit. Die Kostenträger bezahlen bislang die meisten Verordnungen ohne Probleme. Durch die neuen Medien können sich Diabetiker umfassend informieren, egal, ob es sich um Diabetes mellitus oder um Kochrezepte mit BE-Angaben handelt. In sozialen Netzwerken wird  sich über fast alles ausgetauscht.

Der persönliche Erfahrungsaustausch ist allerdings in den letzten Jahren rückläufig. Meine persönliche Erfahrung und die vieler Aktiver ist jedoch, dass sich der Nutzen des regelmäßigen Zusammensitzens durch nichts ersetzen lässt. Es geht hier nicht um „Vereinsmeierei“, sondern um einen Erfahrungsaustausch im realen Leben, der hilft, auch langfristig gut mit dem eigenen Diabetes zu Recht zu kommen.

Erwähnt habe ich das bislang meist problemlose Verordnen von Hilfsmitteln und neuen Insulinen. Jedoch zeichnet sich bei einigen Kostenträgern leider die Tendenz ab, sinnvolle Hilfsmittel nicht mehr zu bewilligen, so z. B. Folgeverordnungen für Insulinpumpen bei Kindern und Erwachsenen. Blutzuckerteststreifen werden reglementiert, schnell wirkende Insuline dürfen nur noch mit besonderer Begründung verordnet werden.

Nur eine starke Lobby kann die Diabetiker-Versorgung retten

Verständlich, dass Krankenkassen Ausgaben vermeiden wollen. Im Zuge der zu erwartenden Überalterung unserer Gesellschaft, werden die Kosten im Gesundheitswesen zwangsläufig steigen. Somit ist eine Einschränkung der Ausgaben für chronisch Kranke, Diabetiker inbegriffen, absehbar. Wenn meine Befürchtungen eintreten, haben wir Diabetiker ein Problem. Wer hilft uns dann?

Es gibt mehrere Organisationen der Selbsthilfevertretung für Diabetiker in Deutschland – mit deutlich abnehmenden Mitgliederzahlen. Nur wenige wollen sich „organisieren“ und für politischen Einfluss und Transparenz eintreten. Die Kooperation zwischen Betroffenen, Ärzten und politischen Gremien, die in vielen Netzwerken gut funktioniert, kann beim Verschwinden der Selbsthilfe nicht mehr stattfinden.

Wir können uns nur selbst helfen, denn nur wir wissen, was es bedeutet, sich täglich neu auf ein Leben mit Diabetes einzulassen.

Cornelia Hagemann-Rohweder

Diabetikerin und aktives Mitglied im Diabetikerbund Hamburg e. V.